Im Religionsunterricht Raum für existenzielle Fragen eröffnen

Vor der Verleihung der kirchlichen Lehrerlaubnis „Missio Canonica“ am kommenden Sonntag erzählen drei junge Religionslehrer, warum sie dieses Fach unterrichten und vor welchen Herausforderungen sie in ihrem Beruf stehen.

Charlotte Cadenbach, Marco Rispoli und Tim Schwarze haben vor kurzem ihr Lehramts-Studium beendet und unterrichten jetzt katholische Religion

Cadenbach ist Grundschullehrerin, Rispoli unterrichtet am Berufskolleg und Schwarze am Gymnasium

Bei ihren Schülern können alle drei kaum auf christliche Grundlagen aufbauen. Bei Cadenbach und Rispoli sind die Katholiken im Religionsunterricht sogar in der Minderheit

Bei Charlotte Cadenbach scheint die Reli-Lehrer-Welt noch in Ordnung. Wenn die 27-Jährige an der Cosmas-und-Damian-Grundschule in Essen-Frohnhausen Geschichten von Jesus erzählt, blickt sie in neugierige Gesichter – auch wenn nur jedes dritte davon katholisch ist. Ihr Kollege Marco Rispoli unterrichtet am Essener Erich-Brost-Berufskolleg Religion, „da sind 80 Prozent der Schüler muslimisch und 20 Prozent christlich – auf so etwas wurden wir an der Uni gar nicht vorbereitet“, sagt der 32-Jährige. Und selbst Tim Schwarze am Gymnasium Goetheschule in Essen-Bredeney kann in seinem Religionskurs nicht mehr zwingend christliche Grundlagen voraussetzen. Cadenbach, Rispoli und Schwarze unterrichten erst seit wenigen Monaten – am kommenden Sonntag erhalten sie zusammen mit rund 70 weiteren Religionslehrern von Bischof Franz-Josef Overbeck ihre „Missio Canonica“, die kirchliche Lehrerlaubnis. Zuvor berichten die Berufsanfänger von ihren Erfahrungen als Religionslehrer in einer Gesellschaft, in der das Christliche nicht mehr selbstverständlich ist.

Fächerwahl hatte bei allen biografische Gründe

Dass sie an der Uni dennoch Religion als Fach gewählt haben, hat bei allen dreien biografische Gründe. Cadenbach und Schwarze sind seit Kindesbeinen in ihren Kirchengemeinden aktiv und engagieren sich dort bis heute ehrenamtlich – und auch Rispoli ist „mit der Kirche aufgewachsen“ und regelmäßig in den italienischen Gottesdienst gegangen. Er hat erst nach einer Ausbildung zum Industriekaufmann auf Lehramt studiert, sich auf Wirtschaft spezialisiert und als zweites Fach Religion gewählt. „Wirtschaft ist schon mal ein bisschen trocken – da gibt Religion einen ganz anderen Blickwinkel“, sagt Rispoli. Er kennt die skeptischen Blicke angesichts seiner Fächerkombination zur Genüge: „Damit bin ich ein Exot.“

Gymnasiallehrer Schwarze hat sein Traumfach Sport mit Religion kombiniert. Zwischendurch stand auch mal Mathematik zur Auswahl, „aber das ist dann doch nicht so sinnstiftend gewesen“. Gerade heute sei es „wichtiger denn je, Kindern und Jugendlichen christliche Werte und Normen weiterzugeben“, beschreibt Reli-Lehrer Schwarze seine Mission. Es sei gut, wenn seine Schüler alles kritisch hinterfragten, er wolle im Unterricht „aber auch zeigen, was die Kirche Gutes tut“. Dabei sei es als Religionslehrer „heute umso wichtiger, dass man authentisch dahinter steht. Spätestens nach der zweiten Stunde kommt die Frage: ,Glauben Sie eigentlich selbst an Gott?‘“

„Was ist wirklich wichtig im Leben?“

Sein Berufsschul-Kollege Rispoli möchte im Unterricht vor allem „einen Raum für existenzielle Fragen öffnen“, sagt er. „Was ist wirklich wichtig im Leben?“ Weil er bei seinen Schülern so gut wie keinerlei christliche Grundlagen voraussetzen kann, „kommt das Christliche in meinem Unterricht manchmal eher durch die Hintertür“, so Rispoli. „Ich mache dann ein Angebot, stelle dar, was die christliche Sicht zu einer bestimmten Fragestellung ist – aber ob die Schüler das annehmen oder nicht, liegt nicht in meiner Macht“. Anders als die Frage, welchen Stellenwert sein Schulfach für die Schüler hat. „Religion als Laberfach? Dagegen kämpfe ich an“, betont der Pädagoge. Auch Schwarze nickt und ergänzt: „Die Frage ist, welchen Anspruch wir als Lehrer haben.“ Rispoli hat einer Schülerin jüngst eine Vier gegeben, „weil sie sich kaum beteiligt hat. Sie war ein wenig geschockt – aber gute Noten nur fürs still Herumsitzen gibt’s bei mir nicht. Wer sich für Religion nicht interessiert, soll lieber Philosophie wählen“, gebe er seinen Schülern stets deutlich zu verstehen. Gerade die Tatsache, dass er neben einigen Katholiken eben auch viele Nicht-Christen unterrichtet, lässt ihn jedoch vermuten, dass sein Unterricht dann doch nicht so uninteressant ist. Insgesamt „sollte sich der Religionsunterricht aber verändern“, wünscht sich Rispoli – hin zu einem stärker interreligiösen Angebot.

Nur gut jedes dritte Kind ist katholisch

Auch an Cadenbachs katholischer Grundschule sind von 220 Kindern nur 82 katholisch – gut jedes dritte. Die große Mehrheit ist evangelisch, muslimisch oder ohne Bekenntnis. „Für den Unterricht muss man da von vornherein umdenken – und das Beste draus machen“, beschreibt sie ihre Erfahrungen aus den vergangenen Monaten. Immerhin, anders als ihre beiden Kollegen an den weiterführenden Schulen, „kann ich im Alter meiner Kinder noch etwas bewegen und sie für ganz viele Themen begeistern“. Mal sind es Jesus-Geschichten, mal christliche Feste oder die Sternsinger, die sie in ihre Schulstunden einbaut. Mal kommen aber auch in der Grundschule ganz fundamentale Fragen zur Sprache: „Ist Gott jung oder alt?“ oder „Wohnt Gott im Weltall?“ hätten ihre Schüler jüngst gefragt – und von ihr natürlich keine konkrete Antwort bekommen, berichtet Cadenbach. Letztlich gehe es ihr da wie ihren beiden Kollegen: Allein den Raum für existenzielle Fragen bereit zu stellen, sei schon ein Wert des Religionsunterrichts an sich.

Bei aller Offenheit seien Glaubensfragen jedoch auch immer mal Thema für Elterngespräche, sagt Cadenbach. Zwar unterschreiben die Eltern bei der Aufnahme, dass es an der Cosmas-und-Damian-Schule – anders als an der städtischen Berliner Schule nebenan – nur katholischen Religionsunterricht sowie regelmäßige Schulgottesdienste und Gebete in der Klasse geben, dennoch gebe es darüber im Laufe der vier Grundschuljahre „immer mal wieder Diskussionen“. Bei aller Unterschiedlichkeit ihrer Schüler bemühe sie sich, im Religions-Unterricht christliche Grundwerte zu vermitteln, sagt Cadenbach. Dazu gehöre dann im Zweifel auch „dass Jesus der Sohn Gottes ist – und kein Prophet“.

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